Leidenschaft am Abend
Bevor sie in Richtung
Las Galeras aufbrachen, wechselten die jungen Frauen an der Rezeption noch ein
paar Euros in Dominikanische Pesos. Wenn es im Ort eine Wechselstube gab,
wollten sie dort mehr Geld umtauschen, denn sie vermuteten, dass der
Wechselkurs im Hotel nicht unbedingt tagesaktuell oder besonders günstig ist.
Am Strand entlang schlenderten sie zum Ortskern von Las Galeras. Auf Samanthas
Drängen hin erzählte Kira ihr unterwegs die Geschichte wie sie Martin zum
ersten Mal getroffen hatte. Sam konnte sich das Lachen nicht verkneifen und
stellte dann lakonisch fest: “Du bist verliebt in ihn.” Kira verschlug es die Sprache und sie schüttelte
heftig ihren blonden Pferdeschwanz. Sam schaute sie skeptisch an und murmelte
vor sich hin: “Warum regst du dich dann so furchtbar auf?” Aber Kira hatte es glücklicherweise nicht gehört.
Nachdem sie den Hotelstrand hinter sich gelassen hatten und dem Ort immer näher
kamen, gab es kleine Verkaufsstände mit den unterschiedlichsten Souvenirs zu
begucken. Ein Händler verkaufte Bilder von einheimischen Künstlern. Kira
betrachtete fasziniert die farbenfrohen Kunstwerke und fasste den Entschluss im
weiteren Verlauf ihres Urlaubes unbedingt ein Gemälde für ihr kleines
Wohnzimmer daheim zu erstehen. Sam war inzwischen zu einem jungen Mann der CDs
und DVDs anbot weitergezogen. “Schau mal Kira, er hat CDs von “Aventura”! Da muss ich unbedingt welche haben!” Dann erklärte sie Kira: “Mein Vater steht voll auf diese Band. In den Staaten
sind “Aventura” auch total angesagt. Soviel ich weiss, hatten die
sogar schon einen Auftritt vor Barack Obama im Weissen Haus! Das ist doch
obercool, oder?” Bei so viel Interesse an seinen Produkten witterte
der Verkäufer gleich ein gutes Geschäft, aber Sam vertröstete ihn auf ein
anderes Mal. Am Abfahrtspunkt der Qua-Qua Pùblica (kleine preiswerte Minibusse
die eine bestimmte Fahrtroute haben und die den Einheimischen meistens als
Transportmittel über grössere Entfernungen dienen) wimmelte es hauptsächlich
von Männern aller Altersstufen und Sam und Kira bekamen massenweise Komplimente
und Heiratsanträge. Lachend schlenderten sie weiter. Nachdem sie sich ein paar
kleinere Stände und Geschäfte näher angesehen hatten, fanden sie den
Souvenirladen von Miguels Eltern. Im Aussenbereich wurden auch hier farbenprächtige
Bilder angeboten. Die Mädels betraten den Laden und Sam schaute sich mit laut
klopfenden Herzen um. Miguel, der im Moment hinter der Ladentheke auftauchte,
bekam wagenradgrosse leuchtende Augen und rief lauthals: “Mi Amor!” Er eilte zu Sammy, schloss sie in die Arme und
bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Kira musste sich einen Anflug von Neid
eingestehen und widmete sich den feilgebotenen Waren. In einer grossen
Glasvitrine wurde Schmuck ausgestellt und sie betrachtete die fein gearbeiteten
Stücke. Miguel, mit Samantha im Arm, trat zu Kira und lieferte Erklärungen zu
den verschiedenen Materialien ab. Sam übersetzte seine Worte für Kira: “Diese schönen helltürkisblauen Steine sind Larimar.
Die Halbedelsteine gibt es nur hier in der Repùblica Dominicana. Man sagt, sie
bringen Glück, wenn ein Mann sie seiner Auserwählten schenkt und anlegt.
Daneben die leuchtend gelb bis braunen Steine sind Amber, auf Deutsch müsste
das Bernstein heissen. Und diese hübschen Schmuckstücke mit den rosa-roten
Einlassungen sind mit Muschelbruchteilchen hergestellt.” Die jungen Damen schauten sich eingehend in dem gut
sortierten Geschäft um und fanden einige für sie kaufenswerte erscheinende Stücke.
Miguel brachte sie nach draußen zu einer Sitzgruppe im Schatten eines
ausladenden Baumes und servierte typisch dominikanischen Kaffee in winzigen Tässchen.
Dazu reichte er eine Süssigkeit namens “Dulce de Leche”, was soviel wie “Süsse der Milch” heisst. Er erzählte, dass seine Eltern heute nach
Santo Domingo, oder La Capital, wie man die Hauptstadt auch noch nennt,
gefahren sind und er den Laden so lange alleine betreut. Kira nippte an ihrem
heissen und supersüssen starken Kaffee und lutschte die sahnig-caramellige
Dulce de Leche.
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Ehrfürchtig schaute Kira auf das Schauspiel, so gross hätte sie sich die
Wale niemals vorgestellt. “Gefällt es dir?” fragte eine raue Männerstimme dicht hinter ihr sie leise und Kira die
sich zu ihm umwandte, konnte Martin nur glücklich anlächeln. Er strich ihr
vorsichtig eine Strähne ihres vom Fahrtwind völlig zerzausten Haares aus dem
Gesicht und seine angenehm weichen Finger strichen dabei zärtlich über ihre
Wange. Trotz der hohen Temperaturen jagte ein eiskalter Schauer über Kiras Haut
und sie drehte sich ruckartig wieder um. Nachdem man eine Weile das Treiben der
Wale beobachtet hatte, drehte der Kapitän bei und fuhr in die entgegengesetzte
Richtung. Martin erklärte den Grund: “Um die
Buckelwale nicht zu sehr zu stören, darf immer nur ein einziges Boot sich in
ihrer Nähe aufhalten und dann muss es Platz für ein anderes Schiff machen,
schließlich wollen ja alle Touristen die Wale sehen.” Nach einem Blick auf die Uhr stellte Kira überrascht fest, dass sie ja
schon seit zwei Stunden unterwegs waren. Sie drückte Sammy ihr Täschchen in die
Hand und machte sich zur Toilette auf. Als sie wieder an Deck kam, war dort die
Aufregung gross. Eine Gruppe spielender Delfine folgte ihrem Boot. Martin erklärte,
dass sie an diesem Tag viel Glück hätten, eine Walmutter mit Baby, ein
springender Wal und dann noch Delfine - so etwas bekommt man nicht alle Tage zu
Gesicht. Kurz darauf war der Anleger erreicht und die Gruppe verliess den Kahn
wieder. Martin war mit der langbeinigen Lolita beschäftigt und hob nur die Hand
zum Abschied. Kira fühlte wieder Ärger in sich aufsteigen und dachte: “So, das war’s nun. Noch einmal werden sich unsere Wege kaum kreuzen.“ Tief im Innersten war sie darüber erstaunlicherweise sogar etwas
traurig. Zum Glück bekam Sammy von ihren widerstreitenden Gefühlen nichts mit,
denn Kira konnte sich selbst nicht erklären, was mit ihr los war und wollte auf
keinen Fall darüber reden. Die Urlauber stiegen in die bereits wartenden Busse
und die Fahrt ging zurück ins Hotel. Die Rückfahrt verlief recht ruhig, denn
Alle waren gedanklich noch mit den gesehen Meeresriesen beschäftigt. Kira
wollte Sam die Fotos auf ihrem Handy zeigen und suchte ihre kleine Handtasche.
Nach einem Moment entfuhr es ihr: “ Oh Mist, ich
glaube meine Tasche ist noch auf dem Kutter! Oder hast du sie irgendwo gesehen
Samantha?” Sam verneinte und beruhigte Kira, dass die Tasche nicht verloren sei
und sie im Hotel gleich mit Nadine sprechen würden, um das gute Stück zurück zu
bekommen. Das beruhigte Kira und im “Paradiso” eingetroffen, versprach Nadine sich gleich um das Problem zu kümmern.
Die Reisegruppe war etwas spät dran und so stürzten alle sofort ins Restaurant,
um noch das wohlverdiente Mittagessen einzunehmen, denn die Stunden auf See
sorgten für ordentlichen Appetit. Kira und Sam ließen es sich schmecken und
waren dann richtig vollgefuttert, sie hatten Spinatsuppe mit Scampis,
Pangasiusfilet im Kokosmantel mit Reis und Salat und diverse Nachspeisen verdrückt.
Vom guten Essen satt und müde beschlossen sie, erstmal etwas Siesta zu halten
und sich später wiederzutreffen. Kira schlüpfte gleich unter die Dusche und
legte sich anschließend rücklings auf ihr Bett. Sie musste sofort eingeschlafen
sein, denn als sie wieder zu sich kam, waren zwei Stunden vergangen. Jetzt fühlte
sie sich erholt und war zu weiteren Unternehmungen bereit. Sam klopfte an die Tür
und sie beratschlagten, wie sie den Nachmittag umbringen wollten. Sammy hatte
schon richtig Sehnsucht nach ihrem neuen Freund Miguel und überredete Kira in
den Ort zu gehen und Miguel im Souvenirladen einen Besuch abzustatten. Samantha
ging zurück in ihr Zimmer, sie wollte sich noch richtig hübsch machen und Kira
zog sich derweil auch frische Kleidung an.
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Zum
Glück kletterten gerade die ersten Touristen an Bord des ehemaligen
Fischkutters und so kam Kira vorerst um eine Antwort herum. Das Einsteigen
verlief reibungslos und so tuckerten sie in Kürze aufs offene Meer hinaus.
Sobald der Kahn Fahrt aufnahm, begrüsste Martin die Gäste an Bord und erklärte,
wo sich Schwimmwesten und weiteres Rettungsequipment befinden. In lockerer Form
berichtete er über einige Details ihres schwimmenden Untersatzes und verteilte
an nicht seefeste Personen Tabletten gegen Seekrankheit. Sam fand das sehr
lustig, sie kicherte glucksend und fing sich deshalb einen strafenden Blick von
Martin ein. Der hatte Kira seit dem Geplänkel beim Wiedersehen nicht mehr
beachtet. Ein blutjunges Ding mit riesigem Dekollete und endlos langen Beinen
scharwenzelte die ganze Zeit um Martin herum und warf ihm schmachtende Blicke
zu. Ihm schien das durchaus zu gefallen und Kira ärgerte sich fürchterlich darüber.
Im nächsten Moment ärgerte sie sich, weil sie sich darüber ärgerte und dachte: “Mir doch egal was der Kerl treibt, von dem lasse ich
mir den Ausflug nicht verderben.” Im Stillen musste sie aber zugeben, dass er verdammt
gut aussah. Er musste beim Frisör gewesen sein, denn das lockige hellbraune
Haar saß perfekt in einen schicken Schnitt und durch die ständige Arbeit unter
der Sonne hatte es hellblonde Strähnen bekommen. Zu seinem royalblauen
Poloshirt mit dem Logo des Reiseveranstalters trug er beigefarbene Cargohosen,
was ihn ungemein sportlich-sexy aussehen liess. Kira schaute schnell weg und
musste schlucken. Der Kutter glitt in rascher Fahrt durch das ruhige Wasser des
Meeres und unterwegs sahen sie verschiedene andere Wassergefährte, die auch zum
Walwatching unterwegs waren. Nach einiger Zeit begann Martin über das Ziel
dieses Ausfluges, die Buckelwale, zu berichten und alle Mitfahrenden lauschten
gespannt. So erfuhren die Touristen, dass die Wale eine sehr weite Reise von
arktischen Gewässern bis in die Bucht von Samanà zurücklegen, um hier im warmen
Wasser des Atlantiks ihre Kälber zur Welt zu bringen. Wale kehren immer an den
Ort ihrer Geburt zurück und anhand ihrer Schwanzflosse, die bei keinem Exemplar
gleich ist, lassen sich die Tiere sehr gut identifizieren. Ein kleiner Junge
unterbrach den interessanten Bericht, weil er wissen wollte, wo denn nun die
Fische zu sehen seien. Martin erklärte ihm in kindlich verständlicher Form,
dass Wale keine Fische sind, sondern zu den Säugetieren gehören. Im Zoo oder
Meeresaquarium könne man sich die friedlichen Riesen immer ansehen, aber hier,
auf dem offenen Meer muss man manchmal viel Geduld aufbringen, um einen oder
gar mehrere Buckelwale beobachten zu können. Wie auf Kommando rief plötzlich
ein Herr: “ Da, da drüben ist Einer!” und Alle stürzten auf die linke Seite des Bootes, um
auch zu sehen, was der Mann für einen Wal hielt. Martin musste die versammelte
Mannschaft nun enttäuschen: “ Das ist nur ein Stück einer abgestorbenen Palme.
Aber wenn Sie aufmerksam die Meeresoberfläche beobachten, können Sie eine Fontäne,
ähnlich eines Springbrunnens sehen, wenn der Wal beim Auftauchen die Luft ausbläst.” Kira stieß Samantha mit dem Ellenbogen an und flüsterte:
“Sieh mal, der Schatten da. Ob das ein Wal ist?” Sam machte ihre Kamera startklar und schaute gebannt
auf die Wasseroberfläche. Plötzlich tauchte nur wenige Meter von Ihrem Boot
entfernt ein riesiger schwarz-weisser Körper aus dem Wasser auf und sprang ein
Stück durch die Luft, bevor er spritzend wieder ins Meer eintauchte. Nun waren
alle an Bord wie elektrisiert und es entstand aufgeregte Hektik. Ihre Geduld
wurde reichlich belohnt und alle fotografierten oder nahmen per Video die
gigantischen Tiere auf. In einiger Entfernung um ihren Kutter herum tummelte
sich eine Walmutter mit ihrem Neugeborenen, das zum Luftholen noch sehr oft an
die Oberfläche kommen musste. Ein Stück weiter sprang wieder ein Wal und die
Begeisterung kannte keine Grenzen mehr.
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Und
sie hatten Glück! Der kleine Bus stand zwar schon zur Abfahrt nach Samaná
bereit, aber da Kiras Ausflüge ja kostenfrei und für zwei Personen gedacht
waren, gab es keine Probleme und die Beiden hüpften rasch in den wartenden Bus.
Mit grossem “Hallo!” wurden Kira und Sam von den mitfahrenden Gästen begrüsst
und Kira erkannte fast alle Leute vom gestrigen Briefing wieder. Auf der Fahrt von Las Galeras nach Samaná gab
es viel zu begucken und die Nasen der Touristen klebten förmlich an den
Fensterscheiben. Die Strasse führte fast die ganze Strecke über in scheinbar
paralleler Linie am Atlantik entlang und so boten sich des Öfteren spektakuläre
Ausblicke auf hoch schäumende Meeres-Gicht an steil aufragenden Felsen oder
wunderschöne fast menschenleere Strände. Am Strassenrand weidende Esel oder
Ziegen sorgten jedes Mal für ausgelassene Heiterkeit bei den Fahrzeuginsassen.
Obwohl die Fahrt etwas mehr als eine Stunde dauerte, war sie sehr kurzweilig
und die gute Laune steigerte sich immer mehr, je näher die Ausflugsgesellschaft
dem Ziel der Fahrt kam. Als es in raschem Tempo einen Berg herunterging,
lichteten sich linker Hand plötzlich die Bäume und man hatte einen freien Blick
auf die Bucht und die Stadt Santa Barbara de Samaná. Eine Dame mittleren Alters
rief aus was Alle dachten: ”Och ist das schön!” Und dann hatte das Fahrzeug den Anleger für die
Ausflugsboote erreicht und alle kletterten geschwind aus dem Bus. Hier draußen
traf die Urlauber eine ungeahnte Hitzewelle, denn durch die Klimaanlage war es
angenehm kühl während des Transfers gewesen. Alle waren froh, unter schatten
spendenden Bäumen auf die Ankunft der anderen Ausflügler warten zu können. Kira
und Samantha nutzten die Zeit um sich ausgiebig umzusehen und auch einige schöne
Bilder mit der Digitalkamera oder dem Handy zu schiessen. “Schau mal dort, die Brücke die über das Meer zu der
kleinen Insel führt! Meinst du, dass man darauf spazieren gehen kann?” fragte Kira, während sie noch ein paar Bilder mit dem
Handy machte. “Ja, die Brücke darf man überqueren und wenn du ganz
brav bist, lade ich dich sogar dazu ein!” Eine tiefe, sehr männliche Stimme dicht an ihrem
linken Ohr hatte ihr diese Antwort gegeben. Kira wirbelte herum und landete
direkt in den starken Armen von Martin. “Hallo Kira, ich freue mich sehr, dich heute
wiederzusehen! Du siehst mit dem Sonnenbrand im Gesicht sehr süß aus!” Kira befreite sich aus seinem Griff und wurde puterrot.
Sammy kicherte. “Was… , was machst du denn hier? Hast du auch die
Walbeobachtung gebucht?” Kira hatte sich nach dem ersten Schock über das
unerwartete Wiedersehen wieder gefangen. “Nein, mi Corazon, ich werde den Ausflug leiten, ich
bin der so genannte Guia für diese Tour.” Nun mischte sich auch noch Sammy ein: “ Kira, willst du mich denn nicht mit deinem Freund
bekanntmachen?” “Äh, er ist nicht mein Freund!”, wehrte sich Kira. “Nein, die junge Dame hat mich im Flugzeug nur unsanft
zu Boden geschickt und es nicht einmal für nötig erachtet, sich gebührend zu
entschuldigen. Aber egal, ich bin Martin und für den heutigen Ausflug euer
Guide.” Samantha schaute etwas verständnislos, vertraute
aber darauf, dass Kira sie schon noch ins Bild setzen würde. So plötzlich wie
er aufgetaucht war, verschwand Martin auch wieder. “Sam, sag mal, was heisst eigentlich mi Corazon?”
“Mein Herz.” sagte die Gefragte und Kira wurde schon wieder
puterrot. “Willst du mich nicht langsam aufklären, was dieser
Auftritt sollte und wer der überaus attraktive Charmebolzen ist?”
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